Leinenaggression

Wenn der Spaziergang zum Kampf wird …von Janine Krause

Wer kennt sie nicht? Die sogenannten Leinenrambos, die scheinbar schon beim bloßen Anblick eines anderen Hundes zu Hulk höchstpersönlich werden. Als Halter eines ruhigen Hundes, der die bellenden Monster einfach links liegen lässt, belächelt man die Besitzer solcher Tiere, hat fast schon Mitleid mit ihnen. Doch was ist, wenn man selbst in der Situation ist, einen Leinenrambo sein eigen zu nennen? Wenn man sich Rat bei anderen Hundehaltern, vielleicht sogar in Hundeschulen holt, sich beliest und im Internet um Hilfe fragt, aber das Problem trotzdem nicht in den Griff bekommt?

Der Spaziergang wird zur Qual, man verliert die Lust daran, seine Umwelt und die Natur mit
seinem vierbeinigen Liebling zu entdecken. Man geht angespannt aus dem Haus und hat ständig diese Angst im Nacken. Die Angst nämlich, dass gleich wieder ein anderer Hund um die Ecke kommt und man sich wieder dem grünhäutigen Hulk gegenüber sieht.
Leinenaggression bedeutet übrigens, dass der Hund an der Leine ein aggressives Verhalten zeigt (sowohl gegenüber Hund als auch Mensch), im Freilauf jedoch friedlich ist. Wenn Du also einen Hund hast, der ohne Leine das liebste Tier überhaupt ist, sich mit Leine jedoch zum tollwütigen Wolf verwandelt, dann – Herzlichen Glückwunsch!- hast Du einen „Leinenrambo“!

Aber was kann man denn nun tun? Zunächst einmal: Das Verhalten von leinenaggressiven Hunden ist häufig über Monate oder Jahre hinweg manifestiert. Man kann nicht erwarten, dass man dieses Verhalten innerhalb einer Stunde in den Griff bekommt. Es bedarf Zeit und konsequentes Training, ein solch manifestiertes Verhalten zu ändern. Und man muss zunächst verstehen, woher dieses Verhalten kommt. Lasst uns also zunächst die möglichen Ursachen abklären.

Ursache 1 – Mangelnde Sympathie
Ja, auch bei Hunden gibt es Sympathien. Und genau wie bei uns Menschen kann es passieren, dass Hunde ihr gegenüber doof finden. So richtig doof. So doof, dass der sonst so liebe Fellfreund sofort an die Decke geht, wenn er den verhassten Nachbarshund sieht. Hunde können enge Freundschaften bilden, sie können aber auch genauso erbitterte Fehden führen.

Ursache 2 – Schlechte Erfahrungen
Hunde lernen durch negative und positive Erfahrungen. Und so kann es bei sensiblen Hunden durchaus sein, dass eine einzige schlechte Erfahrung ausreicht, um ihr weiteres Handeln nachhaltig zu bestimmen. Wie genau dieses Erlebnis aussieht, lässt sich pauschal nicht sagen. Es kann ein aggressives Knurren, ein Scheinangriff oder natürlich auch die klassische Beißerei sein. Letztendlich ist es von Hund zu Hund unterschiedlich und meist gar nicht so offensichtlich für den Hundehalter. Doch auch ein scheinbar harmloses Ereignis kann dazu führen, dass der Hund künftig nach dem Motto lebt: „Angriff ist die beste Verteidigung.“

Ursache 3 – Falsches menschliches Verhalten
Oftmals höre ich: „Der verhält sich an der Leine ganz anders als ohne!“
In den meisten Fällen begreifen die Besitzer leider nicht, dass gerade sie der ausschlaggebende Grund dafür sind. Die Anspannung des Halters bei der Begegnung mit anderen Hunden überträgt sich sehr schnell auf den Hund. Dies können auch sehr kleine, kaum merkliche Signale sein: Das Kürzernehmen der Leine, Änderungen der Stimmlage, eine beschleunigte Atmung, ein leichtes Zittern der Hand und vieles mehr. Besonders unsichere Halter fördern aggressiver Verhalten, auch wenn diese sich selbst gar nicht als unsicher beschreiben würden. Der Hund bemerkt die kleinste Unsicherheit jedoch sofort. Er ist dann der Meinung, selbst auf seine Mensch- Hund- Gemeinschaft aufpassen und seinen schwächeren Freund (= der unsichere Mensch) schützen zu müssen.
Auch wenn Hunde sonst immer mit ihren Artgenossen spielen durften und es ihnen auf einmal verwehrt wird, kann dies zu Frustration führen, welche schnell in Aggression umschlagen kann. Des weiteren ist es nicht selten, dass die Aggression durch scharfes Ansprechen oder sogar Anschreien des Hunde gefördert wird. Was für den Halter als Maßregeln gilt, wird von dem Hund so aufgefasst, dass der Mensch ebenfalls bellt. Dadurch fühlt sich der Hund bestärkt und wird eher noch aggressiver, anstatt sich zu beruhigen.
Und bitte, bitte, liebe Hundehalter, respektiert die Individualdistanz Eures Hundes! So wie wir nicht möchten, dass uns im Supermarkt an der Kasse jemand in den Nacken atmet, möchte auch Euer Hund nicht unbedingt, dass ihm ein fremder Artgenosse auf die Pelle rückt. Es ist also nicht förderlich und auch absolut unnötig, auf einem engen Weg den Hund an einem anderen vorbeizuquetschen.

Ursache 4 – Mangelnde Sozialisation
Hunde, die nur sehr selten mit anderen Hunden zusammen kommen (und das meist schon seit Welpenalter) können nicht lernen, wie man sich anderen Hunden gegenüber verhält. Dies führt bei Hundebegnungen zu Unsicherheit und dadurch auch sehr häufig zu Aggression. Der Mensch kann kein Hunderudel ersetzen! Daher ist es besonders wichtig, dem Hund schon als Welpe die Möglichkeit zu geben, mit anderen Hunden zu interagieren. Auch sollte sich der Mensch nicht immer einmischen. Sicher, es sieht brutal aus, wenn der kleine süße Welpe von einem älteren und vermutlich auch deutlich größeren Hund gemaßregelt wird. Doch gerade das ist wichtig, damit der junge Hund seine Grenzen kennenlernt. Ich kann jedem Hundehalter nur ans Herz legen, spielende Hunde genau zu beobachten. Man erkennt sehr schnell, wann eine Situation kippt und man eingreifen muss. Und man kann von Hundegruppen sehr viel lernen, um das Verhalten des eigenen
Hundes besser zu verstehen. Wir kennen jetzt einige der möglichen Ursachen. Aber wie kann man das Problem denn nun in den Griff bekommen?
Und jetzt kommt die große Enttäuschung: Es gibt nicht das Patentrezept für alle. Und man kann das Problem auch nicht anhand der reinen Beschreibung des Besitzers lösen. Man muss den Hund sehen. Man muss den Besitzer sehen. Man muss das Umfeld sehen. Erst dann kann man sich Gedanken über den richtigen Lösungsweg für Hund und Mensch machen.
Grundsätzlich sollte man auf klare Führung und Kommunikation achten und schon auf kleinste Signale des Hundes reagieren. Ist der Hund bereits in einer aufgeregten Grundstimmung, kommt man kaum noch zu ihm durch. Daher sollte das oberste Ziel sein, den Hund von vornherein beim Anblick eines Artgenossen ruhig zu halten. Dafür ist anfangs mitunter ein relativ großer Abstand zu anderen Hunden nötig. Mit welcher Methode man den Hund beruhigt, ob man dafür zum Beispiel Leckerlis braucht oder eine bloße Verhaltensveränderung des Menschen ausreichend ist, muss individuell entschieden werden. Empfehlenswert ist es immer, einen guten Hundetrainer zu Rate zu
ziehen. Weniger sinnvoll ist es, Tipps aus dem Internet durchzuprobieren. Unter Umständen
verschlimmert man damit das Verhalten nur noch.

Fazit: Zu Leinenaggressionen kann es durch verschiedene Ursachen kommen. Wichtig ist es, sich rechtzeitig Hilfe zu holen, um zu verhindern, dass sich das Verhalten manifestiert und die Spaziergänge in Stress und Ärger enden.